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Ausstellung: Gebaute Heimat – Der Geseker Architekt Hermann Gröne

Als Meilenstein in der Entwicklung von Hermann Grönes Verständnis der Architektur kann man den Entwurf des Gesundheitsamts von 1959 sehen. Mit diesem Bauwerk wandelt sich Gröne vollends zu einem Vertreter der klassischen Moderne, wie sie im Bauhaus entwickelt wurde.

Geseke. Der am 5. Oktober 1915 in Geseke geborene Architekt Hermann Gröne studierte von 1936 bis 1942 an der Fachschule für Hoch- und Tiefbau Holzminden und Höxter. Die Ausrichtung der Staatsbauschule war schon immer durch eine starke Verbundenheit zum Handwerk und zur regionalen Baukultur geprägt. Entsprechend der vorherrschenden Lehre zur Zeit seiner Ausbildung, orientierten sich die frühen Bauten Hermann Grönes am Ideal einer volkstümlichen Architektur. Äußerlich erscheinen die Entwürfe geordnet, mit Sprossenfenstern, Fensterläden, spitzen Ziegeldächern und dem Einsatz einzelner Zierelemente, wird eine Anmutung geschaffen, die die traditionellen Formen des 18. und 19. Jahrhunderts wiederspiegelt, sie jedoch zunehmend reduziert und in den Geist der Moderne überführt. Typische Beispiele aus dieser Zeit sind die Projekte „Kleines landwirtschaftliches Gehöft Lorenz Kemper“, „Wohnhaus mit Atelier Anton Arens“ und der „Aussiedlerhof Theodor Vollmer“.

Ende der 1950er Jahre lässt sich bereits ein Wechsel in der Architektursprache Hermann Grönes ablesen. Als Meilenstein in der Entwicklung von Hermann Grönes Verständnis der Architektur kann man den Entwurf des Gesundheitsamts, Düstere Gasse, von 1959 sehen. Hier zeigt er exemplarisch wofür die neue Architektur steht. Alles an diesem Gebäude schreit nach Aufbruch. Die Fassaden werden zu großen Teilen von Fenstern dominiert, Licht ist eines der bestimmenden Themen der neuen Architektur. Das Dach ist flach, der Raum somit optimal genutzt und klar definiert. In der Gestaltung des Treppenturms zeigt Hermann Gröne vollkommen neuartige Gestaltungsmöglichkeiten in der Architektur. Er spielt mit den Elementen auf der Fläche, löst sie geschickt auf und sorgt für interessante Blickfänge. Leider befindet sich das Gebäude aktuell in keinem guten Zustand.

Weitere Beispiele, die in der Ausstellung dokumentiert sind, sind das Haus Hense in der Gockelnstraße, die Villa Bartscher, die Wohn- und Geschäftshäuser Schürholz, Büsse und Trugge, die Häuser der Familien Klaus und Dinslage.

Reproduktionen und Originale sehenswerter Entwürfe und technischer Zeichnungen werden im Heimatmuseum ausgestellt. Ergänzt durch historische und aktuelle Fotos erhält der Betrachter einen umfassenden Eindruck vom Schaffen des Geseker Architekten Gröne. In einem für die Ausstellung erstellten Video wird Leben und Werk des Hermann Gröne vorgestellt. Ehemalige Mitarbeiter kommen darin ebenso zu Wort wie Auftraggeber und Handwerker.

Darüber hinaus lässt sich auch über die jüngere Geseker Stadtgeschichte einiges erfahren. Die „Urbanisierung“, die der damalige Stadtdirektor Hense in den 1960er Jahren mit großer Energie vorantrieb, veränderte das Stadtbild radikal. Die Aussiedlung der Bauernhöfe aus dem Stadtkern und der anschließende Abriss und die Neubebauung mit Wohn- und Geschäftshäusern machten aus der Ackerbürgerstadt die Einkaufs- und Wohnstadt, wie wir sie heute kennen.

Hermann Gröne verstarb am 22.2.1989. Die Ausstellung ist bis zum 08.11.2015 zu den bekannten Öffnungszeiten des Museums geöffnet.

Arvid Gröne, Architekt aus Delbrück und Enkel des Jubilars, hat sich mit der Architektur der Moderne und der Nachkriegsarchitektur intensiv auseinander gesetzt. Zur weiteren Vertiefung geben wir folgenden Text gerne weiter:

Die Architektur Hermann Grönes im bauhistorischen Kontext
Heutzutage denken viele Menschen bei der Architektur der 1960er und 1970er Jahre an die Zerstörung historischer Stadtzentren und eine gesichtslose Gestaltung von Wohnmaschinen. Dabei wird jedoch die positive Seite dieser beeindruckenden Epoche der Architektur oft vernachlässigt. Die Schönheit und wunderbar klare Ordnung dieser Bauwerke werden uns erst jetzt, mit etwas zeitlichem Abstand, bewusst.

Das Werk Hermann Grönes zeigt sehr gut, welche Missstände die Architektur der Moderne behoben hat, welche Visionen sie vermittelte, aber auch wo sie an Ihre Grenzen stößt.

Der Geseker Architekt Hermann Gröne, Foto aus 1973, Photo Köppelmann, Paderborn.

Die Moderne trat nach dem Ende des ersten Weltkriegs mit der Forderung nach Licht, Luft und Sonne auf den Plan. Jedem Menschen sollten von dieser Architektur die gleichen unverbrüchlichen Rechte zugestanden werden. Die Architektur richtete sich nach den Idealen einer gleichberechtigten, demokratischen Gesellschaft, die mit der Kraft des technischen Fortschritts alle menschlichen Probleme lösen würde.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland machte diese Ideale zu Feindbildern, die Avantgarde der deutschen Architektur floh vor den Repressalien der Diktatur. Nach dem zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern. Die Ideale der Demokraten aber wurden zum Fundament des Grundgesetzes. So wie die gesellschaftlichen Ideale der Weimarer Republik zum Grundstein der neuen Republik wurden, so wurden die Ideale der modernen Architektur zum Fundament des Wiederaufbaus.

Mit dem Aufschwung in den 1950er Jahren und dem Boom der 1960er wuchsen dörfliche Gemeinschaften zu Städten heran, die Bevölkerung wuchs und der Fortschritt schien eine beständige Triebfeder dieser Entwicklungen zu sein.

All dies müssen wir berücksichtigen wenn wir die Architektur dieser Jahre aus heutiger Sicht betrachten. Zum ersten Mal konnten großzügige Glasflächen für die breite Bevölkerung produziert werden, die Wohnungen wurden von Tageslicht durchflutet. Die Städte wuchsen, und die neue Architektur stellte den immer wohlhabenderen Arbeitern günstigen Wohnraum zur Verfügung. Die Misthaufen der oft noch im Ortskern angesiedelten Bauern wichen modernem Wohnraum. Dabei wurde jeder Mensch möglichst gleich behandelt und mit den Grundlagen gesunden Wohnens: Licht, Luft und Sonne versorgt. Aus dieser Zeit stammt ein noch heute gültiges Verbot von Wohnungen mit reiner Nordausrichtung.

Aus der heutigen Architektur, egal welcher Anmutung, ist insbesondere die Auflösung des klassischen Grundrisses nicht mehr wegzudenken. Im 19. Jahrhundert bestand noch fast jedes Haus aus ähnlichen Räumen, die einer bestimmten Funktion zugeordnet und über kleine Flure mit vielen Türen verbunden wurden. Die Geschosse wurden übereinander gestapelt und waren weitestgehend unabhängig voneinander. Die Moderne brach mit all diesen Konventionen radikal. Der Grundriss definierte immer öfter nur Bereiche anstatt abgetrennte Zimmer. Die Geschosse wurden über Lufträume verbunden eine Wohnung musste nicht mehr zwangsläufig auf nur einem Geschoss liegen.
Die Architektur der Moderne hat mit Ihren hehren Zielen aber auch oft über das Ziel hinausgeschossen. Aus Gleichheit der Bürger wurde die Gleichförmigkeit ganzer Stadtteile, aus der Orientierung des Städtebaus am Automobilverkehr wurden viele schöne Blickbeziehungen, kleine Gässchen und gewundene Straßen zerstört, teilweise sogar ganze Städte durch mächtige Verkehrsadern zerteilt.

Hermann Gröne kam aus einem Studium in dem die Ideale der Moderne nur eine untergeordnete Rolle spielten. Sein Frühwerk ist dementsprechend eher traditionell geprägt. Aber schon gegen Mitte der 1950er Jahre entwickelt er sich zu einem Vertreter der Ideen des neuen Bauens. Für einen kreativen Menschen mit einem derart guten Raumgefühl und Leidenschaft für die Wirkung von Licht und Raum war die Sprache der modernen Architektur eine Befreiung. Obwohl man sicherlich einige seiner Werke heute kritisch betrachtet, ist die Wirkung der von Ihm entworfenen Räume nach wie vor beeindruckend. Interessant ist zudem, dass sich das letzte Werk Hermann Grönes wieder einer traditionelleren Formensprache bedient. Hier zeigt sich, dass aus seiner Sicht die Moderne insbesondere den Städten vorbehalten war, das Ländliche aber durchaus andere Gestaltungsansätze benötigt.

Heute sehen wir das Wirtschaftswachstum und auch seine städtebauliche Manifestation kritischer. Städte wie Geseke werden schrumpfen, der Maßstab der modernen Architektur erscheint zu groß für so kleine Gemeinden. Es ist aber wichtig die Ideale dieser Zeit nicht mit Verachtung zu strafen, sondern Sie zu respektieren und Ihre Wirkung kritisch zu hinterfragen. Nur so lässt sich eine Architektur entwickeln, die die Ideale der Moderne umsetzt ohne dabei die Geschichte und den individuellen Geist eines Ortes zu übergehen. Arvid Gröne

Gebaute Heimat – Der Geseker Architekt Hermann Gröne
1915 – 2015
Ausstellung im Hellweg Museum Geseke
vom 10.10. bis 8.11.2015