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Volkstrauertag 2017 – Ein nachdenklicher Blick auf das Jahr 1942

In seiner Ansprache zum Volkstrauertag berichtete Gesekes Bürgermeister Dr. Remco van der Velden (r.) darüber, wie die Lage derer war, die vor 75 Jahren, inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs, in Geseke lebten.

Geseke. “Versetzen wir uns in die Lage derer, die vor 75 Jahren, inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs in Geseke lebten: Großeltern, Eltern, Ehefrauen und Verlobte, Söhne und Töchter, Familienangehörige, Nachbarn und Freunde. Immer in der Hoffnung auf den nächsten Feldpostbrief, mit der verdrängten Angst vor dem großformatigen Brief, der vom `Heldentod` eines geliebten Menschen an der Front berichtete.” Mit diesen Worten wandte sich Gesekes Bürgermeister Dr. Remco van der Velden am vergangenen Sonntag an diejenigen, die den Weg zum Ehrenmal gefunden hatten, um gemeinsam den Volkstrauertag zu begehen.

Mit dem Blick auf das Geseke im Jahre 1942 – das Deutsche Reich befand sich zu dieser Zeit im dritten Kriegsjahr – holte van der Velden das damalige Kriegsgeschehen ins Bewusstsein der Menschen zurück und regte sicherlich manch einen Teilnehmer zum Nachdenken an.

Mit einem Brief aus dem Bestand des Stadtarchivs Geseke machte van der Velden das Leid vor der eigenen Haustür erfahrbar. Mit besagtem Schreiben erfuhren die Eltern eines damals 21 Jahre alten Gesekers vom Tod ihres Sohnes, der “den Heldentod für Führer und Vaterland getreu seinem Fahneneide” gestorben war. Bis zu seinem letzten Atemzuge habe der Gefreite seine soldatische Pflicht erfüllt, um das Vaterland vor dem Bolschewismus zu bewahren. Es sind Zeilen wie diese, die heute nur noch Entsetzen und Kopfschütteln hervorrufen. “Genau deshalb ist es wichtig, dass wir heute zusammenkommen und den Opfern von Krieg, Terror und Gewalt gedenken. Gleichzeitig sollen uns Geschichten, wie die des 21-jährigen Gesekers aber auch Mahnung sein, dass wir alles daran setzen sollten, dass solche Zeiten nie wieder kommen”, so van der Velden.

Im weiteren Verlauf seiner Ansprache ging der Bürgermeister auf die Lage vor nunmehr 75 Jahren in Geseke ein: Hunderte Männer zwischen 18 und 40 Jahren waren im Krieg. Ihre Arbeitsleistung wurde von weit über 1.000 Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern aus Polen, Russland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden übernommen. Untergebracht waren diese in großen Lagern auf dem Gelände der Zementwerke Milke, Elsa, Fortuna und Westfalen, aber auch im Feldschlößchen, in der Mädchenschule, im Lyzeum und der ehemaligen Synagoge. Seit April 1942 gab es zudem nur noch gekürzte Lebensmittelrationen, heißt: Pro Woche 2 Kilogramm Brot und 300 Gramm Fleisch. Vor Weihnachten gab es dann eine Sonderzuteilung von 60 Gramm Bohnenkaffee. Alle Privatautos und viele Pferde waren beschlagnahmt worden, fast alle Kirchenglocken waren inzwischen eingeschmolzen.

“Frieden ist kein Selbstläufer”, machte auch Daniel Balkenhol deutlich. Der Oberst des Geseker Bürger-Schützenvereins, der den Volkstrauertag maßgeblich organisiert hatte, warnte davor, dass Fremdenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft immer mehr in unserer Gesellschaft Fuß fassen. Ihm schloss sich auch die evangelische Pfarrerin Kristina Ziemssen an. In einem kurzen Gebet erinnerte sie an die Zerstörung der Kathedrale im englischen Coventry. Am 14. und 15. November 1940 war das Gotteshaus durch deutsche Bombenangriffe zerstört worden. Der damalige Dompropst Richard Howard ließ daraufhin die Worte “Vater vergib” in die Chorwand der Ruine meißeln. Diese Worte bestimmen seither das Versöhnungsgebet von Coventry, das die Aufgabe der Versöhnung in der weltweiten Christenheit umschreibt.

Auch Pastor Rainer Stahlhacke, der bereits im Vorfeld der Gedenkfeier den Gottesdienst in der Stadtkirche St. Petri zelebriert hatte, richtete am Ehrenmal einige Worte an die Volkstrauertagsteilnehmer. “Gott hat uns die Sorge für die ganze Welt anvertraut”, mahnte Stahlhacke und verwies darauf, dass dennoch tagtäglich Menschen unverschuldet zwischen die Fronten geraten und unsägliches Leid erfahren.